Es ist...

Frau Gerhard

Es ist (wahrscheinlich) wie immer: ein bisschen zu spät aus dem Haus, weil ich ja so nah wohne und eben noch dies und das… Schnell mit dem Fahrrad ins Krankenhaus, ins Zimmer der Grünen Damen, wo die meisten der Kolleginnen und Kollegen sich schon eingefunden haben. Begrüßung untereinander mit Handschlag, Eintrag mit Uhrzeit in den Anwesenheitskalender, ein Blick in „das Buch“ wegen eventueller Mitteilungen vom Vortag über Patienten auf der Station, die ich gleich besuchen werde. Aha - die Patientin im Zimmer 4 möchte Hilfe beim Packen für die bevorstehende Reha. 

Gemeinsam gehen wir wie jeden Morgen, insgesamt zu neunt, über den Hof an der Wäscherei vorbei,  wo wir unsere sauberen grünen Kittel anziehen und die Namensschilder befestigen. Dann geht´s auf „meine“ Station, heute eine chirurgische, auf der ich die Kollegin vertrete, die dort normaler Weise Dienst tut. Auf dem Weg dorthin begegne ich schon vielen Menschen, alle überwiegend in Eile – aber für einen kurzen Gruß reicht es meistens. 

Ich melde mich im Stationszimmer an und frage nach, ob es für mich „etwas Besonderes“ gibt. Meistens ist das nicht der Fall, aber heute werde ich von den Schwestern darum gebeten, der Patientin aus Zimmer 4, die schon in unserem Buch erwähnt war, zu helfen - nicht ohne den Zusatz „viel Spaß…“. Also suche ich als erstes das besagte Zimmer auf, wo ich mit einem erleichterten  „Oh, wie schön, dass Sie kommen“ begrüßt werde. Gleich sehe ich, was sie meint und auch, was die Schwestern meinten. Die Patientin war  operiert worden und hatte sich vor lauter Sorge, „dass es nicht reicht“ und „man weiß ja nicht, wie das Wetter in der Reha wird“, mit reichlich Kleidung eingedeckt, auf den ersten Blick für jede Jahreszeit. Beim gemeinsamen Packen dann erzählt sie mir, dass ihre längst erwachsenen Kinder („ich habe ja nur Söhne und die haben ja so viel zu tun…“) mit ihren Familien nicht in Lüneburg leben und sie deshalb das Gefühl hat, alles laste auf ihren Schultern. Während sie mir viel von sich erzählt, gelingt es einigermaßen, ihre Kleidung in insgesamt drei Koffern zu verstauen, natürlich nicht ohne klare Anweisungen seitens der Patientin. Nun scheint sich auch ihre Aufregung zu legen. Als ich dann noch ihre Telefonkarte abgemeldet habe und mich verabschiede, nimmt sie meine Hand in ihre beiden und bedankt sich so herzlich, dass ich fast beschämt das Zimmer verlasse. 

Im nächsten Zimmer treffe ich auf eine ältere Frau, die allein im Zimmer ist. Sie sitzt angezogen am Tisch und sagt: “Ich weiß gar nicht, warum ich hier bin.“ In ihren Händen hält sie mehrere Bogen Papier. Nachdem sie mir erlaubt hat, mich zu ihr zu setzen, sehe ich mir die Bögen an. Es geht um die medizinische Aufklärung für eine bevorstehende Operation am nächsten Tag. Der Arzt hat sie gebeten, doch das, was sie kann, schon zu beantworten. Das ist ihr aber schon deshalb nicht möglich, weil sie wegen ihrer rheumatischen Finger gar nicht schreiben kann. Außerdem wiederholt sie stereotyp, dass sie nicht wisse, warum sie hier sei. Mein Hinweis auf eine ja wohl bevorstehende Operation tut sie geradezu ab mit dem Satz: “Ja, mir soll morgen der Magen entfernt werden, ich habe Krebs, und ich habe doch mein Leben gelebt! Wissen Sie, wie das Leben ohne Magen ist?“ Mir verschlägt es die Sprache. Eine Weile schweigen wir zusammen. Dann frage ich sie vorsichtig, was denn ihr Ehemann, ihr Sohn und ihr Hausarzt dazu sagen. Die Antwort: “Mein Mann und mein Sohn sagen, dass ich man das tun soll, was die Ärzte sagen. Und mein Hausarzt sagt, dass ich das doch meinem Mann nicht antun kann.“ Wieder sitzen wir schweigend da. Nach einer Weile stupst sie mich plötzlich an, guckt mir lächelnd in die Augen und sagt: “Nun sind Sie man nicht traurig, das schaffen wir schon!“ (Eine knappe Woche später treffe ich sie in einem anderen Zimmer an. Die Operation ist erfolgt. Sie lächelt mich wieder an und sagt: “Schön, dass Sie mir neulich geholfen haben“ - erneut weiß ich nicht, was ich sagen soll.)

Die nächsten drei Zimmer sind vergleichsweise leicht zu besuchen für mich: die Patienten haben kleine Besorgungswünsche. Manche wollen sich auch nur ein bisschen unterhalten. Das kommt mir nach den beiden Besuchen vorher sehr gelegen.

Dann geht´s in die Pause. Wir treffen uns  zum Kaffee in unserem schönen Zimmer und tauschen uns kurz über Erlebtes aus. Außerdem wird abgesprochen, ob eine von uns noch  Hilfe benötigt oder anbieten kann. An diesem Morgen hilft mir netterweise noch eine Kollegin, weil ich durch die beiden intensiven Besuche zeitlich etwas in Verzug geraten bin und sie auf „ihrer“ Station nicht so viel zu tun hatte. 

Auf dem Weg zurück ins Haupthaus treffen wir in der Halle unabhängig voneinander zwei Patienten, die nicht mehr wissen, wo sie eigentlich hingehen sollen. Das kommt in einem großen Haus natürlich häufiger vor, und auch da helfen wir Grünen Damen gerne. 

Mein Dienst in den restlichen Zimmern der Station beschränkt sich wieder auf Einkäufe, Blumen versorgen und kleine Gespräche. Krönender Abschluss meines Dienstes an diesem Morgen: die Stationsschwester sagt zu mir: „Danke und schön, dass Sie da waren!“.

Auf dem Rückweg ins „Grüne-Damen-Zimmer“ gebe ich meinen Kittel bei der Wäscherei ab, trage mich aus dem Kalender aus, klöne noch einen Moment mit einer Kollegin und radle wieder nach Hause.

von

Johanna Gerhard, Einsatzleiterin im Städtischen Klinikum Lüneburg

Bericht aus dem Altenheim

Elke Schiffler

Donnerstag ist mein Einsatztag als Grüne Dame im Alten- und Pflegeheim St. Vincenz in Rendsburg. Nach einem ruhigen gemeinsamen Frühstück trennen sich unsere Wege: mein Mann fährt in „seinen“ Kindergarten und wird zum Geschichtenerzähler und ich radel ins Altenheim, wo sich die EKH-Einsatzgruppe um 09.00 Uhr zu einer kurzen Besprechung trifft, zu der auch die Leiterin des Hauses kommt. Von ihr erfahren wir Neuigkeiten aus dem Hause, aktuelle Veränderungen, die Bewohner betreffend, Todesfälle oder ganz persönlichen Kummer, der durch einen Besuch gemildert werden könnte. Gar nicht mal so selten gibt es auch ausdrückliche Wünsche, von uns besucht zu werden. Frau X braucht heute besonderen Trost, denn Ihre Tochter hat sich das Leben genommen. Ich kenne die alte Dame seit Jahren, da sie selbst einmal Grüne Dame war.

Heute habe ich viel Zeit, um zuzuhören und meine Anteilname spüren zu lassen. Anschließend besuche ich Frau Y, eine sehr alte, leider auch recht verwirrte Dame, mit der ich gemeinsam singe, sie motiviere mir Geschichten aus ihrem Leben zu erzählen oder Gedichte aus ihrer Schulzeit zu zitieren. Es ist immer wieder verblüffend, dass sie alte Volks- oder Kirchenlieder besser auswendig kennt als ich und beim Singen gerade zu fröhlich wirkt. Für den Abschluss des Tages hatte ich mir schon morgens Frau Z vorgenommen. Wir kennen uns inzwischen seit einigen Jahren. Unsere Donnerstagsbegegnungen sind zu einem verlässlichen Ritual geworden, auf das wir uns beide (!) freuen. Dabei fing alles mit einer Ablehnung an, worüber wir heute aber gemeinsam lachen können. Ich wollte damals mit den Worten: „Würden Sie sich über einen Besuch freuen?“ in ihr Zimmer treten, wurde aber noch auf der Türschwelle schroff zurückgewiesen: „Ich wünsche keinen Besuch!“

Eine Woche später klopfte ich erneut an ihre Zimmertür, hörte ein freundliches: „Herein“ und sah, dass die alte Dame nicht wie in der Vorwoche im Bett lag, sondern im Sessel sitzend zu einem Kennenlernen-Gespräch bereit war. Weitere acht Tage später empfing sie mich, sonntäglich gekleidet, mit den Worten: „Ich habe mich schon auf Ihr Kommen gefreut!“ Eine derartige Entwicklung erleben Grüne Damen und Herren im Altenheim immer wieder in dieser oder ähnlicher Form. Die monate- oft jahrelangen Besuche – es sind oft die einzigen Außenkontakte, weil es keine Angehörigen mehr gibt, oder auch weil es Angehörigen gegenüber nicht leicht fällt, eigenen Kummer zu erzählen. Eltern wollen ihre Kinder offenbar nicht belasten. So entwickeln sich vertrauensvolle Beziehungen, die beiden Seiten große, nachhaltige Freude bereiten.

Das drückt sich auch in der Trauer um diesen Menschen aus, wenn wir uns in kleinem Kreis, gemeinsam mit einem Seelsorger am Bett des gerade Verstorbenen verabschieden. Bedauerlicherweise schreckt das manche Interessenten an unserem Ehrenamt ab. Der Dienst als Grüne Dame oder Grüner Herr führt im Altenheim in natürlichster Form an das Miterleben von Altersgebrechen, Hinfälligkeit, Lebensmüdigkeit und damit auch an das eigener Alter und das näher kommende Lebensende. Gelegentlich vergleichen mein Mann und ich unseren ehrenamtlichen Dienst. Während er von einer Verjüngungskur zu kommen scheint, wirke ich auf ihn nachdenklich und auf besondere Art innerlich froh. Ich möchte meine Grünen Damen Donnerstage nicht mehr missen.

Von

Elke Schiffler, Grüne Dame im Alten- und Pflegeheim St. Vincenz, Rendsburg, sowie Landesbeauftragte der EKH für Schleswig-Holstein.

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